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Andacht zum Erntedankfest

Erstellt am 01.10.2022

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.     Ps. 145,15

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich muss hier einmal etwas gestehen: Ich liebe dieses Fest, dieses für uns Großstädter, aber nicht nur für die, auch für alle anderen, so im Grunde genommen anachronistische Fest, dass ja eigentlich, wenn man mal genau hinsieht so gar nichts mehr mit unserer Welt zu tun zu haben scheint, jedenfalls so wie wir es üblicherweise in unseren Gemeinden feiern. Aber ich mag es einfach, in einem Gottesdienst zu sitzen vor einem herrlich geschmückten Altar, wo auf den Altarstufen dann Produkte der Landwirtschaft aufgebaut wurden. Da findet man dann Äpfel, Möhren, Milch Getreide aller Art, Strohballen und vieles mehr. Und alles ist schön arrangiert. Und dazu kommen dann die wunderschönen Erntedanklieder, wie: Wir pflügen und wir streuen ( mit 4 b ), nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit und vieles mehr. Ja, ich mag es, dieses Fest und das nicht nur, weil damit im Grunde genommen die lange festlose Zeit zu Ende ist und wir schon so langsam wieder an die Advents- und Weihnachtszeit denken, sondern auch, weil mich dieses Fest jedes Jahr aufs Neue über unsere Welt und unsere jeweilige Situation nachdenken lässt. Und immer wieder taucht dabei die Frage auf: Wofür kann und soll ich denn jetzt dankbar sein?

In diesem Jahr rückt vor allem die Energiekrise und die galoppierende Inflation in den Focus. Viele Menschen haben jetzt schon Angst vor dem kommenden Herbst und Winter. Wird die Energie, ob Gas, Strom oder Öl, reichen, damit wir nicht frieren müssen und bei uns die Lichter nicht ausgehen? Und werden wir uns auch in Zukunft noch die Grundnahrungsmittel leisten können? Unsere Bundesregierung tut ja viel dafür, uns diese Angst zu nehmen, aber wird das reichen, was man uns da so verspricht und kann man das alles halten, was uns versprochen wird? Und natürlich sind es wieder einmal die Armen in unserem Land, die Hartz4 -  und Sozialhilfeempfänger, die es da ganz besonders trifft. Schon jetzt sind die Kosten für die Grundnahrungsmittel so gestiegen, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe sie sich kaum noch leisten können. Also: Wofür soll ich nun dankbar sein in diesem Jahr? Die Ernte ist eingefahren, und ja, hurra, wir leben noch. Ist das Grund genug? Und lässt uns das über all die Sorgen und Probleme, vor denen wir stehen hinwegsehen?

Schaut man sich einmal diesen 145. Psalm an, aus dem der Spruch für dieses Fest entnommen ist, dann stellt man fest, dass dieses alte Lied voll ist vom Lob Gottes. Die Liederdichter blickt auf die Geschichte seines Volkes und auf die dieser Welt und genauso auf die eigene Geschichte und überall sieht er das barmherzige Eingreifen Gottes in den Ablauf des Lebens. Und auch da, wo es oft eng wurde, sieht er, dass Gott zu seinem Wort steht. Er ist treu und barmherzig, er vergisst niemanden und lässt keinen umkommen, der ihm vertraut. Jesus hat viel später diese Tatsache wieder aufgenommen, wenn er über das sorgen spricht. Keiner ist so schön gekleidet wie die Lilien auf dem Feld und die sorgen sich auch nicht darum, wie es im nächsten Jahr werden wird. Um wie viel mehr sorgt dann erst euer himmlischer Vater für euch, so sagt er es. Und wenn wir einmal in unsere Geschichte sehen, vielleicht auch jeder auf seine eigene, dann erkennt man eben auch diese Bewahrung Gottes. Mir geht es jedenfalls so.

Aber was heißt das? „Ist alles nicht so schlimm, der liebe Gott wird es schon richten? Sicherlich nicht. Die Lage ist bedrohlich und wer davor die Augen verschließt und sich fatalistisch zurücklehnt, geht an der Wirklichkeit vorbei. Auf der anderen Seite ist da eben auch die Frage, wo denn Gott in unserem Leben und in unserer Wirklichkeit vorkommt? Das Erntedankfest, und vielleicht mag ich es auch deshalb so, holt mich wieder zurück zu dem, was wichtig ist und wo ich Gott als meinen Herrn ansiedele in meinem Leben. Und es macht mich immer wieder bescheiden, denn die Gaben, die da auf dem Altar liegen und so schön dekoriert worden sind, sind für mich ein Zeichen dafür, dass ich mit Gottes Barmherzigkeit auch heute noch rechnen darf. Er ist auch heute noch, in den Zeiten unserer Krisen für uns da. Und das lässt mich wachsam sein und einmal darauf achten, wo ich etwas dafür tun kann, dass die Lage besser wird. Wo kann ich Energie einsparen ohne dabei dauernd zu denken, na ja, das bisschen rettet die Welt auch nicht. Weil Gott treu ist und verspricht, bei uns zu sein mit Saat und Ernte, Sonne und Mond, Tag und Nacht , wie am Ausgang aus der Arche, kann ich meinen Verstand und meine Hände anregen, etwas dafür zu tun, diese Welt zu erhalten. Und deshalb mag ich Erntedank. Es rüttelt an mir und rüttelt mich wieder wach.

In diesem Sinn wünsche ich Euch allen eine schöne Woche, ein schönes Erntedankfest und bleibt bitte alle gesund.

Euer P. Gräwe